In 16 Tagen zum Team - ITC Japan 2017

Eine Einheit - 30 Runden Randori, um 6:15 Uhr Treppenläufe, kulinarische Hürden und ein ungeplant hohes Maß an Teambuilding.

10.01.2018 von [Julie Hölterhoff]

Ja, dieses Jahr war es für die U21 Mädels, um Bundestrainer Lorenz Trautmann, schon eine ganz besondere Trainingsreise nach Japan. Die 16-tägige Reise startete auch direkt mit der ersten Hürde, denn 10 kuschelige Tage im 12er Zimmer, Decke an Decke auf dem bequemen Boden, sorgten durchaus für manch eine Herausforderung; Kein Problem für das, nun für 2018 perfekt eingespielte, Team.

Dann steht man da, den Blick nach oben gewandt auf der Suche nach dem nur schwer erkennbaren Ende der Treppe. Ein wenig Verrücktheit gehört da wohl dazu, sich ohne Widerrede etliche Male und Laktat durchflutet die Treppen hinauf und wieder hinunter scheuchen zu lassen. Stets im Windschatten der scheinbar nie müde werdenden Japanerinnen. Da blicken sie sich hilflos ins Gesicht, unsere jungen Mädels, deren favorisierte Uhrzeit für solche Späße sicherlich nicht 6:15 in der Früh sein dürfte. Und trotzdem, der Gedanke aufgeben zu wollen wird augenblicklich wieder von den anspornenden Rufen des Teams erstickt.  Wieso meistern die Japaner das so leicht ohne mit der Wimper zu zucken? Wieso kippt die Stimmung nicht, wenn die Trainerin weitere Sprints anordnet, sondern fährt sogar erst richtig hoch? Fragen, dessen Antwort die Deutschen wohl erst im Laufe der Reise ergründen werden.

Es ist schon eine andere Welt in der man sich da befindet. Immer am Beobachten des Umfeldes, um Fehler bei traditionellen Verhaltensweisen zu vermeiden. Der Rat: „ Lieber einmal mehr verbeugt, als einmal zu wenig“ hilft an dieser Stelle ebenfalls oft weiter. Die Tatsache, dass die Japanerinnen scheinbar nicht mal ihren wohlverdienten Schlaf auskosten, sondern schon ab 5:30 wie wilde Arbeitsbienen durch die Gegend hetzen um zu putzen, stieß zunächst auch nur auf fragende Gesichter. Und trotzdem arrangierte sich das Team nach und nach mit der fremden Kultur. Die Hausschuhe immer fein säuberlich vorm Zimmer abgestellt, geordnet in Schichten zum für den Deutschen doch erstmals sehr ungewöhnlich wirkenden Frühstück geschlappt, und überpünktlich im Dojo aufgeschlagen, um sich ausgiebig auf das bevorstehende Training vorzubereiten, lebten sich die Mädchen immer besser in den Trainingsalltag hinein.

So wurde jede Einheit, erschien sie auch noch so endlos, motiviert –als Team- gemeistert. Und was macht es schon aus kein Internet zu haben, wenn es doch 11 weitere Personen im Zimmer gibt, die nur darauf warteten, das erste dem Schlaf verfallene Dornröschen mit wunderschönen Gesichtsverzierungen zu krönen. Ganz nach dem Motto: „Immer sportlich nehmen“, sorgten die im schwarzen Zimmerloch verschwindenden Gegenstände und Kleidungsstücke ebenfalls für keinerlei Unruhen mehr. Auch die abendlichen Teamsitzungen im nächstgelegenen Supermarkt, um sich seine tägliche Dosis an „Social Media“ abzuholen, führten erst zu richtig familiärer Stimmung.

Genau das ist es auch, was sie brauchten, um den strengen Vorgaben des deutlich härteren Trainings als zu Hause, standhalten zu können. Denn jeder hatte da wohl mal seinen schwachen Moment, in dem nach der 20. Runde Randori mal ein Tränchen über die Wange kullerte. Welch ein schönes Gefühl, wenn die Teamkammeraden dann die aufmunternden Worte fanden und einen schnell wieder auf die Beine stellten. Da musste man lernen, seine gewohnte Belastbarkeitsgrenze mal außer Acht zu lassen und sich genau wie alle anderen, Training für Training trotzdem noch mit einem Lächeln im Gesicht durchzubeißen.

Das ist wohl das Beste, was ein Athlet von so einer Reise mitnehmen kann. Die Kenntnis darüber, wie viel man selbst eigentlich aushalten kann und eben auch muss, um irgendwann mal bei den ganz Großen Anschluss zu finden. Ein Trainer fasste dieses Phänomen mal zusammen indem er sagte: „ In Japan lernt man zuerst den Respektvollen Umgang mit seinen Mitmenschen. Dann lernt man, alle Dinge die man zur Verfügung gestellt bekommt zu würdigen und zu pflegen. Und das Wichtigste, was ein Athlet in Japan lernt, ist wirklich zu trainieren.“

So verliefen die Tage an der Teikyo University so harmonisch und ruhig, dass mit Gruppenspielen am späteren Abend nochmal richtig für Stimmung gesorgt werden musste. Dies half auch dabei, trotz der am nächsten Morgen bevorstehenden Treppen Sprints, zufrieden einzuschlafen.

Mit vielen dazugewonnen Tricks und Eindrücken sowohl im Boden, als auch im Stand, konnten unsere Kämpferinnen den Japanern von Tag zu Tag immer mehr zeigen, dass auch mit uns Deutschen ganz und gar nicht zu spaßen ist. Und das lag mit unter wohl auch daran, dass das Team eben langsam verstand, wieso die Japaner so unfassbar stark und unbesiegbar wirken. Anders als wie es bei uns der Fall ist, ist jede Japanerin dankbar für das Training an dem sie teilnehmen darf. Jeder Rat und Verbesserungsvorschlag des Trainers zieht unendliche Dankbarkeit und Ehrung mit sich.

Es geht bei ihnen also nicht darum, immer die Beste zu sein und in jedem Randori die Trainingspartner schlagen zu wollen. Es geht darum, gemeinsam als Team einer großen Belastung standzuhalten und das mit einer stetig hohen Wiederholungsanzahl, die andere Nationen nur bewundern können. Und so schaffen sie es auch, trotz des strengen Trainingsablaufs, immer ein Stück Spaß an der Sache zu behalten.

Wenn so viele Menschen auf so engem Raum zusammenleben, funktioniert der Alltag eben nur mit genügend Hilfsbereitschaft und Sorge um den anderen Mitmenschen. Eine für das Team fundamentale Erkenntnis.

Weiter ging es dann mit dem Umzug mitten in den Großstadtdschungel von Tokio. Zusätzlich nochmal ein ganz besonderes Gefühl, auf der Tatami in der Geburtsstätte des Judos stehen zu dürfen. Auch wenn das Judotraining um 7 Uhr in der Früh im Kodokan zusammen mit der japanischen Nationalmannschaft und anderen Top Nationen, keine Gnade für Morgenmuffel zeigte.

Neben dem Trainingsalltag stand dann aber das, über zwei Tage gehende Highlight, sich mal die richtig Großen auf der internationalen Bühne, beim Grand Slam in Tokio anschauen zu dürfen, ganz oben auf dem Programm. Selbstverständlich bestand hier auch endlich die Möglichkeit für die Athleten, mal die kulinarischen Höhepunkte und Shoppingtrips in dieser Metropole auszukosten. Das sind Tage, die man nie vergisst, wenn das Team jauchzend die Stadt unsicher macht. Stolz, schon den Großteil des Trainingslagers geschafft zu haben, wurde die freie Zeit dann nur noch dafür genutzt, sich selbst und Familie und Freunde mit neuen Errungenschaften zu belohnen. Da machen auch die Bundestrainer keinen Halt, und schließen sich dem Shoppingrausch kurzerhand an.

Um auch wirklich so viel wie möglich an wertvollem Training mitzunehmen, nahmen die Juniorinnen in ihren letzten drei Einheiten schließlich am internationalen Traingscamp des Grand Slams teil. Besonders für die Jüngsten unter ihnen, erforderte es viel Nervenstärke und Biss, um gegen die Elite der Erwachsenen im National Trainings Center durchzuhalten. Die Muskeln schmerzten, die Müdigkeit war jedem ins Gesicht geschrieben, aber jeder ein deutliches Stück stärker als zuvor, war das Team nun reif die Heimreise anzutreten.

Und alle sind sich bewusst: „Wir sind bereit für das Jahr 2018!“