Ein Erfahrungsbericht von Sabine Hammer (Judolehrerin):
Ungeahnte Risiken bei der Tübinger Schulsport Fortbildung
Verspätet erscheinen ist unhöflich und birgt ungeahnte Risiken. Unhöflich wollten wir beide nicht sein, im Gegenteil: wir hatten gute Gründe für unsere Verspätung. Joachim Gehrig, 6. Dan, der Hauptverantwortliche der 1. bundesoffenen Tübinger Judo-Schulsport Fortbildung, der bereits in Dojo 2 aktiv war, und Dr. päd. habil. Hans Müller-Deck, der sehr viele Schwarzgurte in Dojo 1 in Bewegung hielt, haben uns verziehen. Sie hatten mit den vielen, sehr interessierten Teilnehmern des Lehrgangs dankbare Zuhörer, die auch so schön diszipliniert alles mitgemacht haben, wie wir es uns in der Schule nur erträumen können.
Nun zu unserem Risiko: Jürgen Klocke, ein Zuspätkommer, fragt mich, ob hier auch Judo-Anfänger richtig sind. Das war unser Schicksal, jedoch gut oder schlecht?
Klocke? Nein, nicht verwandt oder verschwägert mit Ulrich Klocke, stattdessen: ein echter Sportlehrer ohne Judo-Vorerfahrung! Mutig! Sein Risiko war offensichtlich. Vielleicht gefällt ihm Judo gar nicht, oder vielleicht tut Judo doch weh?
Aber für mich? Ich gehörte zu der großen Mehrheit derer, die nicht zum ersten Mal auf der Matte standen, Schwarzgurt, wie die meisten, also: Insider, und ich hatte noch einen prima Vorteil gegenüber dem netten Neuling und künftigem möglichen Multiplikator: Ich kannte viele von den Menschen auf der Matte, mit denen ich drei sehr schöne Tage verbringen würde. Nein, die Matte und die Leute und das Thema bargen kein Risiko für mich, sondern die Tatsache, dass ich mich sofort und spontan als Uke angeboten habe, wohl wissend, was das bedeutet. Ich wollte sein Risiko kleiner machen, aber wenn das Judo dem Anfänger dann nicht gefällt, wenn er sich gar weh tut, dann könnte ich etwas falsch gemacht haben. Mein Risiko: Enttäuschung!
Aber es stand ja Anfängermethodik auf dem Programm. Jeder „Dunkelgürtige“ bei dieser Veranstaltung hätte abendfüllend über seine Erlebnisse in der Judovermittlung, seine unterschiedlichen Gruppen, seine vielfältigen pädagogischen Ansätze aus der Praxis berichten können. Trotzdem stürzte ich mich auf das Greenhorn, als lebendes „Objekt“ die Judo-Pädagogik gleich auszuprobieren (mein Vorteil) und ermöglichte ihm gleich einzusteigen. Trotz Verspätung war er gleich mittendrin (sein Vorteil). Winner-winner-Prinzip für faires Miteinander.
Wie lief es dann ab? Man soll „Neue“ langsam an den Körperkontakt gewöhnen, auch Kinder, bei denen das natürlich viel schneller geht als bei Erwachsenen. Klar habe ich das gewusst, Sonja Herz, 2. Dan, hat am Sonntag mal wieder viele Möglichkeiten dazu angeboten, jetzt war aber erst Freitag und wir durften gleich werfen und festhalten und vor lauter Freude habe ich gleich dieses und jenes vermittelt, bin also mit der Tür ins Haus… Pech - weil wir zu spät waren, Joachim hatte sicher vorher schon kleine Spiele gemacht. Schade, dass Sonja und Volker erst am Sonntag dran waren, das war ja leider nicht anders möglich, aber dies ist mein einziger echter Kritikpunkt an der Fortbildung.
Zum Ausgleich, so hoffte ich, bin ich ja ein guter Uke – der gleicht das locker aus. Doch nein, das habe ich nicht ganz geschafft. Aber der zu spät gekommene Anfänger hat nicht aufgegeben, manches hat ihm sogar gefallen. Das war der kleine Erfolg. Der Spagat, der hier bei der Veranstaltung unternommen wurde, ist gelungen: die Anfänger hatten mehr Lehrer als sie brauchten, und diese vielen Lehrer hatten ihren Spaß, und die Referenten auch, um hier den Unterschied zu klären.
Einen Referenten wie Dr. Hans Müller-Deck, 9.Dan, erleben zu dürfen, war uns nicht nur eine Ehre, sondern auch ein großes Vergnügen. Viele hatten viel von ihm gehört und gelesen, und nun stand er leibhaftig vor uns. Das hat uns alle gefreut. Ich weiß nicht, wie viel einem Anfänger offensichtlich wird, aber gespürt haben die Aura dieser Persönlichkeit mit Sicherheit alle. Oder die Persönlichkeit von Gunther Bischof, 7.Dan.
Gunther Bischof und Hans Müller-Deck haben dann unter anderem davon erzählt, wie sich Judo verändert hat und wie sie miteinander nach der Wende Einigungen erarbeitet haben. Wie sie „den O-Goshi neu erfunden“ haben. Judogeschichte einmal anders! Doch beide sind nicht in dem Vergangenen verhaftet, sondern sie beobachten das lebendige Judo und alle neuen Elemente. Sie bewerten dies alles und arbeiten die guten Sachen für uns und ihre Gruppen gewinnbringend aus.
Wolfgang Fanderl, 4. Dan, mit viel Japan-Erfahrung hat uns unter anderem Tomoe-nage mit den Anfängern machen lassen. Die Idee ist gut und nicht neu, aber mit echten Anfängern nur praktikabel, wenn sie solche Bewegungstalente sind, wie die, die mit uns auf der Matte standen. Dieser Tomoe-nage war dann auch Bestandteil einer Fallschul-Kata, die für mittlere Graduierungen sehr interessant ist. Die Anfänger brauchten nur einen Teil davon erarbeiten, damit waren sie dann aber auch voll beschäftigt. Häufiges Fallen ist für mich mittlerweile eine Belastung, vielleicht, weil ich über 40 bin. Ich konnte jedenfalls mitfühlen, als die Anfänger den ganzen Körper spürten, wenn sie alle Einheiten richtig mitgearbeitet hatten.
Und die Bodenarbeit mit Betonung auf: „viel und engem Kontakt“ ist für uns selbstverständlich, aber für Anfänger ungewohnt. Sie müssen sich da erst auf etwas einlassen, loslassen und wollen und sollen gleichzeitig stark sein… Es schien so einfach, aber viele haben alle ihre Muskeln gespürt.
Um das auszugleichen war das Krafttraining mit Pierre Schmitz, 1. Kyu, 3.Dan Jiu-Jitsu angeboten. Wenn ich doch vorher mehr richtiges Krafttraining gemacht hätte.…. Das galt nicht für alle, denn es gab natürlich einige, die körperlich völlig unterfordert waren, und das eine oder andere Randori wäre noch ganz nett gewesen.
Die „Neuen“ können von der Schulsportpädagogik der kleinen Spiele, die Sonja Herz, 2. Dan, mit uns gemacht hat und von der Methodik bei der Technikvermittlung von Volker Gößling, 5. Dan, wahrscheinlich am meisten direkt im Sportunterricht umsetzen. Dazu unterstützte der Vortrag über die „soziobiologischen Aspekte des Zweikämpfens“ von Gerhard Rilling, 1. Dan, die Diskussionen, von denen diese Fortbildung auch gelebt hat. Der Austausch in den Gesprächen auch am Rand, der hat vielen sehr gut getan. Es war dabei egal wie dunkel der Gürtel, wie grau das Haar war.
Bemerkenswert ist auch, dass fünf der Einsteiger sich der Prüfung zum 8. Kyu (weiß-gelber Gürtel) stellten und vor der mit Helmut Schaal und Christa Hoffman (beide 6. Dan) hochrangig besetzten Prüfungskommission mit Bravour bestanden. Welcher Anfänger darf schon seine erste Gürtelprüfung bei zwei Trägern des 6.Dans ablegen?
Besonders gelobt wurden die beiden tollen Essen und die Atmosphäre im Ratskeller und in der Kelter, aber auch die unermüdlichen Helfer beim Catering in der Halle, darunter: Sushi, hergestellt von Wolfgang Fanderls japanischer Gattin. Danke, das war sehr gut und sehr lecker und eine tolle Idee!
War die Fortbildung die Risiken wert? Ja, auf alle Fälle! Auch Nichtjudoka sind nette Menschen, weil sie ja irgendwann mit dem Judo anfangen können. Und ein Judolehrer ohne Schüler ist kein Lehrer… und der „sanfte Weg“ kann auch mal wehtun und ist trotzdem schön! Außerdem haben sich viele Freunde wieder getroffen und alle haben neue gefunden. Wir haben nicht nur als Referenten Persönlichkeiten des deutschen Judosports gehabt, sondern wir haben mit ihnen trainieren können
Vielen Dank an Joachim Gehrig und seine Frau ohne die es diese Veranstaltung nicht gegeben hätte!
Auch der ganz junge Judo-Nachwuchs fand den Weg zur Fortbildung
Fotos: Christa Hoffmann