Sechs Tage WM - was für ein Wahnsinn! Neben den Kämpfen unserer Athleten gab es noch eine ganze Reihe weiterer Emotionen und Beobachtungen, die ebenfalls erwähnenswert scheinen. Dazu hier etwas mehr…


Aber fangen wir von vorn an. 18 Sportler aus Deutschland, alle mit vielen Meriten und vor allem Hoffnungen in Paris angereist, mussten bis zum letzten Einzel-Wettkampftag auf die so sehr ersehnte Medaille hoffen.

Man muss sicher die Dimensionen beachten, auch das was die Trainer und Offiziellen bereits im Vorfeld geäußert haben. „Es wird die schwerste WM aller Zeiten.“ Wie wahr diese Worte von DJB-Präsident Peter Frese waren, erkannte sicher auch der Letzte beim Blick auf die Listen, beim Blick in die Halle und auf die Konkurrenz.
Man kann ja nicht mal mehr hoffen, dass aus Ländern, deren Existenz gemeinhin kaum bekannt ist, die Sportler als „Fallobst“ bezeichnet werden können. Wer weiß schon, wo Burkina-Faso ist?
Aber wenn man dann erfährt, dass dort deutsche und französische Trainer unterstützen – und viele Sportler gewöhnlich in Frankreich mit Weltmeisterin Audrey Tcheumeo oder Ketty Mathe zusammen trainieren, der kann sich sicher vorstellen, dass diese Athleten alles andere als zu unterschätzen sind.
Insofern war jeder, aber auch jeder Kampf eine Herausforderung und musste eben auch erst einmal gewonnen werden.
Die größte Überraschung bot sicher Miryam Roper am zweiten Wettkampftag. Mit welcher Abgebrühtheit sie die amtierende dreifache Vize-Weltmeisterin Telma Monteiro bereits im allerersten Kampf demontiert und unter die Dusche geschickt hat, das war schon sehenswert!

Letztendlich wurde es eine Top-Platzierung und Miryam ist nur knapp an der Bronze-Medaille vorbei geschrammt.
Auf Medaillenhoffnung hatte auch Olympiasieger Ole Bischof gesetzt. Er, der im zweiten Kampf trotz Rückstand die Nerven nicht verloren hat und den Chinesen Rijigawa Si noch mit Ippon zu Boden geschickt hat, bekam nach diesem kräftezehrenden Kampf gerade mal die vorgeschriebenen zehn Minuten Pause gegönnt, bis er gegen seinen Olympia-Finalgegner Jae-Bum Kim aus Korea ran musste.

Erholung zu knapp, Kim ein Ausnahmeathlet und Ole nicht genügend Power. Bestrafungen für Inaktivität waren die Folge und Ole verliert diesen Kampf. „Kim ist wahnsinnsschnell und macht viele Angriffe. Nach dem harten Kampf gegen den Chinesen war die Pause einfach zu kurz für so einen Gegner. Er kam eine Runde zu früh, er ist der Weltmeister, die Nr. 1 in der Weltrangliste. Es ist dann halt vorbei bei diesem System“, beschreibt Ole Bischof seine Gefühle.
Hoffnungen kamen auch noch einmal am vierten Wettkampftag auf, als Heide Wollert mit einer Abgeklärtheit die Konkurrenz aufmischte, die sehenswert war und das Judo-Herz richtig höher schlagen ließ. Am Ende ließ sie sich trotz Überlegenheit im Poolfinale gegen die spätere Weltmeisterin Audrey Tcheumeo doch noch von ihr überraschen und wurde nach dem, dann auch noch verlorenen Kleinen Finale, ebenso Fünfte.

Achtungsvoll hier auch Luise Malzahn und Iljana Marzok. Beide haben gut gekämpft, scheiterten aber eine Runde zu früh, um noch einmal eine Chance auf Bronze zu haben. Ebenso erging es übrigens am zweiten Wettkampftag auch Marlen Hein.
Auch am letzten Kampftag keimten noch einmal Hoffnungen auf. Dimitri Peters beherrschte den späteren Weltmeister Khabuylaev – bis eben auf die letzten Sekunden. Auch hier das Aus genau eine Runde zu früh. Robert Zimmermann kam nach dem Auftaktsieg bereits gegen Teddy Riner auf die Matte. Zwei Minuten hat er sich gehalten, dann war auch für ihn Endstation mit einer Würgetechnik von Riner. „Es ist blöd, gleich in der zweiten Runde auf den Weltmeister zu treffen“, sagt Robert Zimmermann. „Ich hatte nichts zu verlieren gegen ihn und konnte frei aufkämpfen. Aber habe auch gemerkt, dass noch was fehlt von der Kraft her. Der ist einfach Weltklasse“, schiebt er anerkennend nach. Auch hier hätte es eine Runde später noch die Chance in der Trostrunde gegeben.
Ebenso wie bei Franziska Konitz. Sie begann auch mit einem Sieg, aber Megumi Tachimoto, die WM-Dritte aus Japan, war dann doch eine Nummer zu stark für unsere doch recht leichte Schwergewichtlerin.
Letztendlich blieben wieder alle Hoffnungen auf Andreas Tölzer. Und er erfüllte sie! Und wie!

Er hat allein drei Kämpfe im Boden gewonnen, allesamt Festhaltetechniken. Das Finale war eine Neuauflage aus dem Vorjahr. Andreas hatte durchaus gute Chancen gegen Teddy Riner, aber irgendwann ein kleiner taktischer Fehler, den Riner natürlich gnadenlos ausnutzte und Andreas auf die Matte beförderte.
Dennoch war Andreas letztlich ein glücklicher Vize-Weltmeister. „Der Zweite ist vollkommen ok. Vor neun Wochen hab ich noch nicht mal an einen Start hier geglaubt“, sagt er nach den Kampf nicht ganz unzufrieden. Aber schmunzelnd schiebt er auch hinterher: „Ich hätt mich schon sehr gefreut, wenn ichs geschafft hätte, diese Party hier zu schmeißen.“
Sein Heim- und Bundeswehrtrainer Daniel Gürschner kommentierte den Vize-Titel ebenso anerkennend. „Man freut sich natürlich über Gold, aber wie Andreas hier aufgetreten ist, das war schon sensationell. Er hat gezeigt, dass er wohl der einzige auf der Welt ist, der in der Lage sein könnte, Teddy Riner einmal zu schlagen.“
Letztendlich hat Andreas Tölzer mit seiner Silbermedaille die deutschen Minimalanforderungen für diese WM zu erfüllen geholfen.
Peter Frese versucht es so zu erklären: „Die Resultate dieser WM sind sicher nicht das, was sich die Öffentlichkeit wünscht. Aber man muss auch sehen, wie viel unter die besten Zehn gekommen sind. Es war die schwerste WM, die es je gegeben hat. Ich kenne keine Sportart, die ein vergleichbares Niveau hat.“
Klar, Judo hat nichts mit Zeiten, Weiten und Höhen zu tun. Wenn ich in der Lage bin schnell zu laufen, hoch oder weit zu springen, dann kommt es auf die Tagesform an, aber es ist durchaus berechenbar, wo man steht in der Welt. Beim Judo kann man nichts berechnen. Der Kampf ist eben auch erst nach dem Ippon oder fünf Minuten zu Ende. Und schön und gut gekämpft bringt eben leider nicht zwangsläufig den Sieg mit sich. Diese Erfahrung mussten durchaus auch einige in unserer Mannschaft machen.
Letzlich - und das muss man sich bei aller geringen Medaillenausbeute auch klarmachen: Neun der gestarteten 18 Teilnehmer an den Weltmeisterschaften platzierten sich unter den Top Ten der Welt.
Die Frauen haben am letzten Tag mit Team-Bronze einen versöhnlichen Abschluss der WM feiern können. Mareen Kräh bringt es auf den Punkt: “ Es macht sehr viel Spaß, als Mannschaft zu kämpfen. Es ist ein Trostpflaster für mich.“ Und: „Wir haben als Team bewiesen, das wir Medaillen holen können und haben als Team noch mal unsere Leistungen gezeigt“, schiebt Romy Tarangul hinterher.
Bewegt hat dies besonders natürlich auch Bundestrainer Michael Bazynski: „Ich hatte Freudentränen in den Augen. Ich bin sehr glücklich, dass sich die Mädels den verdienten Lohn geholt haben. Das Team hat super gestanden, einer für den anderen.“
Und: „Jetzt können wir nach Hause fahren.“

Vize-Weltmeister: Andreas Tölzer, Mönchengladbach
Mannschafts-Bronze: Frauen
5. Platz:
Miryam Roper, Leverkusen
Heide Wollert, Leipzig
9. Platz:
Marlen Hein, Prenzlau
Iljana Marzok, Berlin
Franziska Konitz, Berlin
Ole Bischof, Reutlingen
Dimitri Peters, Rotenburg
Robert Zimmermann, Potsdam