Judokas mit Sehbehinderung erfolgreich

In Genua (Italien) fanden die sogenannten „European-Para-Youth-Games“ statt. Es begegneten sich insgesamt ca. 25 Delegationen aus ganz Europa, um sich in acht Sportarten zu messen, darunter auch die paralympische Disziplin Judo.

28.10.2017 von [Schugga Nashwan]

Für den SG-Judo Nachwuchsbereich (15 bis 21 Jahre) stellte dieses Event die Europameisterschaften für junge, blinde und sehbehinderte Athletinnen und Athleten dar. Die Abordnung des DBS (Deutscher Behindertensportverband) wurde durch 13 junge Judokas, zwölf aus dem Landesverband Hessen (HBRS) und eine Teilnehmerin aus dem Landesverband Baden-Württemberg (WBRS) sowie Markus Zaumbrecher als DBS-Bundestrainer für den Nachwuchsbereich SG-Judo und Delegationsleiter vertreten.

Die Einzelwettkämpfe fanden nach Geschlechtern getrennt an zwei Tagen statt. Zunächst waren die Jüngeren der Alterskategorie unter 18 Jahren an der Reihe, gefolgt von der U21, wobei die älteren Jugendlichen die Möglichkeit hatten, als Doppelstarter in der U21 teilzunehmen.

In der Altersstufe bis 18 Jahre konnten die Deutschen Repräsentanten mit drei männlichen (Daniel Goral, Henry Mackney, Enis Hafa) sowie drei weiblichen Judokas (Gina Eichhoff, Caroline Mandtler, Maike Elsasser) aufwarten. Fünf von ihnen traten das erste Mal im Rahmen des Nachwuchskaders im Ausland an. Als Senioren starteten bei den Frauen  die Baden-Württembergerin Luise Dieter (-63 kg) und die dem Landesverband Hessen angehörende Tabea Müller. Bei den Männern Schugga Nashwan, Artem Wozke, Khoi Nguyen, Tim Meiß und Tulga Demirel (alle Hessen) und die Doppelstarter aus der U18.

Im Bereich der U18 zeigten die im Boden stark auftretende Athletin Maike Elsasser (-57 kg) und der bereits der Nachwuchs-Nationalmannschaft angehörende Daniel Goral (-81 kg) herausragende Leistungen ohne Niederlage, wodurch beide mit einem Europameistertitel belohnt wurden. Auch Henry Mackney (-73 kg, 2. Platz) und der Neuling Enis Hafa (-60 kg, 3. Platz) konnten durch spektakuläre Wurftechniken begeistern. „Ich bin noch nicht so routiniert wie manch anderer, aber durch die jeweils vorangegangenen Briefings meines Trainers und das anschließende Coaching im Kampf konnte ich zwei Kämpfe genau wie besprochen für mich entscheiden. Das war ein großartiges Gefühl“, ergänzte Enis Hafa.

Bei den Senioren konnte Schugga Nashwan, der amtierende Europameisterschaftsdritte der Senioren-EM (Birmingham 2017), seiner Favoritenrolle durch den ersten Platz in der Gewichtsklasse bis 60 kg nach einem Sieg im innerdeutschen Duell über seinen Mannschaftskameraden Artem Wozke gerecht werden. Tim Meiß (Silber) und Henry Mackney (Bronze) erkämpften sich in der Klasse bis 73 kg ebenfalls respektable Plätze auf dem Podest. Tabea Müller, amtierende Deutsche Vizemeisterin des DJB in der Klasse bis 44 kg, dominierte im Nachwuchsbereich ihre Konkurrentinnen und konnte ebenfalls als Nachwuchs-Europameisterin den Heimweg antreten.

Besonders hervorzuheben sind noch die Glanzleistungen zweier Junioren, die sich in der höheren Alterskategorie mit einem ersten Platz (Daniel Goral) und einem zweiten Platz (Maike Elsasser) behaupten konnten. In den konkurrenzärmeren Gewichtsklassen erreichten Khoi Nguyen, Caroline Mandler, Luise Dieter, Gina Eichhoff und Tulga Demirel weitere Medaillenränge, so dass in der Einzelwertung am Ende des zweiten Wettkampftages der erste Platz im Medaillenspiegel unter den Judo-Nationen mit neun Gold-, sieben Silber- und vier Bronzemedaillen dem deutsche Nachwuchsteam und seinem Trainer Markus Zaumbrecher zugesprochen werden konnte.

Für die Mannschaftswettkämpfe der Nationen gab es insgesamt vier Wettbewerbe, zwei bei den Frauen und zwei bei den Männern, welche unterteilt wurden in die Kategorien B1 (blind) und B1-B3 (alle drei Behinderungsklassen). In diesem Mannschaftswettbewerb des dritten Tages war das deutsche Team als einzige europäische Nation in der Lage, drei der vier Mannschaftskategorien vollständig zu besetzen.
Die Mannschaftskämpfe der Männer (B1-B3) stellten dabei ein weiteres Highlight der „European-Para-Youth-Games“ dar. Die begeisterte Stimmung in der Halle war unüberhörbar, als die stärksten Teams der Meisterschaft aufeinander trafen, um die Medaillenränge untereinander auszumachen. Diese waren neben dem deutschen Team die Mannschaften aus Frankreich und Italien. Nach einem 3:2-Sieg über das italienische Team und einem weiteren mit 4:1 über Frankreich stand der Europameister fest. Einen Team-Doppelsieg konnten sogar die deutschen Frauen verbuchen, sowohl in der Kategorie B1 als auch in der Kategorie B1-B3 konnten sie als Sieger von der Matte gehen.

Der ausgeprägte Teamgeist und das sportlich faire Auftreten der Judo-Delegation aus Deutschland wurde nicht nur von den Zuschauern wahrgenommen, sondern auch von den Veranstaltern. Bei der Abschlussfeier erhielt der Aktivensprecher Schugga Nashwan den Fairplay-Preise überreicht. „Meine erste und gleichzeitig letzte Junioren-EM gibt mir Kraft für die Zukunft, da mich nicht nur die Goldmedaille motiviert, sondern mir auch mein großartiges Team den Weg in die internationale Spitze ebnet“, so Nashwan.

Im europäischen Vergleich belegt die abschließende Gesamtstatistik beeindruckend die gelungene Judo-Nachwuchsarbeit für Sehbehinderte und Blinde. Bis auf eine Athletin stammen alle Sportlerinnen und Sportler der deutschen Delegation aus dem „Landesleistungsstützpunkt“ der Blindenstudienanstalt „blista“ in Marburg, welches vor wenigen Jahren vom Hessischen Behinderten- und Rehabilitationssportverband (HBRS) in Kooperation mit der Blindenstudienanstalt Marburg ins Leben gerufen worden ist. Zaumbrecher hat damals als Cheftrainer und als HBRS-Landestrainer die Leitung des Stützpunktes übernommen und von der Pike an die systematische Nachwuchsarbeit auf- und ausgebaut. „Die Schülerinnen und Schüler werden an dieser Schule nicht nur ideal auf die Anforderungen des Lebens mit einer Sehbehinderung vorbereitet, sondern finden in Marburg auch gute Voraussetzungen, neben der schulischen Ausbildung einen leistungssportlich orientierten Werdegang einzuschlagen.

„Es war richtig und wichtig mit einem breit aufgestellten Team hier in Genua anzutreten. Andere werden nachziehen und das wird unseren Sport fördern. Nicht nur die Erfolgsbilanz sondern vor allem auch die Rückmeldungen anderer Trainerkolleginnen und -kollegen zeigen mir, dass wir solche Begegnungen im Nachwuchsbereich intensivieren müssen. Der Erlebniswert und der Erfolg ist gerade für die Jüngeren mit Blick auf nachhaltige Motivation im Leistungssport von unschätzbarem Wert. Wir alle haben erfahren, wofür wir gearbeitet haben, warum Schweiß, Entbehrung und manchmal auch etwas Schmerz dazu gehören, - das können keine Worte erreichen“, reflektiert Zaumbrecher.

Als DBS-Nachwuchsbundestrainer hat der Judopädagoge nicht nur die Aufgabe der Sichtung und des Aufbaus junger Judokas, sondern vor allem auch die schrittweise Vorbereitung auf die Anforderungen im internationalen Judo der Senioren-Nationalmannschaft. Dieser Übergangs- und Integrationsprozess wird von Zaumbrecher als Judotrainer und Pädagoge begleitet und findet in enger Kooperation mit der Cheftrainerin Carmen Bruckmann statt. Bisher ist dieser Prozess mit vier Marburger Nachwuchsathleten erfolgreich angelaufen und soll sukzessiv erweitert werden. „Ich freue mich sehr darüber, dass wir auch eine Athletin aus Baden-Württemberg in unserem Nachwuchsteam haben. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal eine Kontaktmöglichkeit nennen, über die interessierte Trainerinnen und Trainer, die mit sehbehinderten Kindern bzw. Jugendlichen arbeiten wollen oder dies bereits tun, Kontakt zu mir aufnehmen können. Ich bin sehr daran interessiert national und international ein Netzwerk für den Nachwuchsbereich im Judo für Sehbehinderte und Blinde aufzubauen, - das kann unserem Sport nur zugute kommen“, so der Marburger. (Zaumbrecher@Judo-Marburg.de)

„Ich würde gerne noch etwas loswerden“, ergänzt Zaumbrecher abschließend. „Wir gehen nicht nur als erfolgreichste Nation Europas aus diesem Event, sondern nehmen auch große Motivation und neue Aufgaben mit. Solch eine Aufbauarbeit und die damit verbundenen Erfolge wären im Para-Sport nicht möglich, wenn wir nur „im eigenen Saft“ unter Menschen mit Sehbehinderung trainieren würden. Es ist unabdingbar mit normal sehenden Judokas zu trainieren und auch Wettkämpfe auszutragen. Mittlerweile begegnet uns sehr viel Offenheit und wir werden allerorts mit offenen Armen empfangen. Auch wenn es eigentlich selbstverständlich erscheint, so verbirgt sich dahinter auch ein gegenseitiger Lernprozess. In dem Sinne haben uns viele Judokas geholfen und aktiv zu dieser positiven Entwicklung wohlwollend beigetragen, - deswegen auch mal ein dickes Danke dafür!“