„Push für Demokratie“ mit Anton und Andreas Hofreiter
Im Rahmen des „Bundesprogramms gegen Extremismus und Menschenfeindlichkeit im Sport“ sprechen wir mit Menschen, die sich im Sport für Demokratie, Vielfalt und ein respektvolles Miteinander engagieren. Heute: Anton und Andreas Hofreiter.

Sport ist mehr als Bewegung und Wettkampf – er ist ein Ort der Begegnung, der Verantwortung und der Haltung. In dieser Interviewreihe kommen Menschen zu Wort, die sich in Vereinen, Verbänden und Projekten für Demokratiebildung, Vielfalt und ein klares Nein zu Menschenfeindlichkeit engagieren.
Die Interviewserie "Push für Demokratie" - gefördert durch das Bundesprogramm gegen Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit im Sport – heute mit einem Interview mit dem Bundestagsabgeordneten Anton Hofreiter und seinem Bruder und Rechtsanwalt Andreas Hofreiter.
Thema „Demokratie & Rechtsstaatlichkeit“
Frage an Anton Hofreiter: Sie vertreten demokratische Werte sowohl national als auch auf europäischer Ebene. Was bedeutet für Sie Demokratie konkret – jenseits politischer Slogans – und wie lässt sich dieses Verständnis im Sport alltagsnah vermitteln?
Andreas Hofreiter: Demokratie heißt für mich, dass alle Menschen gleichberechtigt mitgestalten können – ob in der Politik oder im Verein. Demokratie lebt von Vielfalt, unterschiedlichen Interessen und von der Bereitschaft, Konflikte sachlich zu lösen und in Verhandlungen Kompromisse zu finden, die am Ende von allen mitgetragen werden. Demokratie lässt sich vermitteln, wenn Mitbestimmung gefördert wird, wenn Vielfalt und Antidiskriminierung gelebt werden und wenn Vorbilder, sei es in der Politik oder im Sport, den Jugendlichen demokratische Werte vorleben. Außerdem zeigt sich gerade in Sportvereinen, wie Integration gelingt, was für die Demokratie sehr wertvoll ist.
Frage an Andreas Hofreiter: Als Rechtsanwalt arbeiten Sie mit den Grundpfeilern des Rechtsstaates. Wie wichtig sind rechtsstaatliche Prinzipien – z. B. Schutz der Minderheiten, Gleichheit vor dem Gesetz – für eine funktionierende demokratische Gesellschaft?
Andreas Hofreiter: Rechtsstaatliche Prinzipien sind unverzichtbar für eine funktionierende demokratische Gesellschaft. Sollte der Staat einzelnen Gruppen vermitteln, dass sie für ihn ohne Wert sind oder er es auch nur nicht für notwendig hält, sie ausreichend zu schützen, verliert er ihnen gegenüber die Rechtfertigung, von ihnen die Einhaltung seiner Regeln zu verlangen. Eine funktionierende demokratische Gesellschaft benötigt aktive Mitglieder. Positiv aktiv werden Personen dann, wenn sie sich wertgeschätzt fühlen und das ist u. a. dann der Fall, wenn sie sich darauf verlassen können, dass z. B. vor Gericht ohne Ansehen der Person geurteilt wird und gleiche Sachverhalte unabhängig von den beteiligten Personen gleich entschieden werden.

Frage an beide: Wie kann ein konstruktiver Dialog zwischen Politik, Recht und Sport dazu beitragen, demokratisches Bewusstsein in gesellschaftlich relevanten Bereichen (z. B. Sportvereinen) zu stärken?
Antwort Anton Hofreiter: In unserem Zusammenleben kommen Menschen unterschiedlichster Hintergründe zusammen. In Begegnungen liegt die Chance, Vorurteile abzubauen und das Gemeinsame zu betonen, doch es gibt auch Herausforderungen, denn unsere Gesellschaft ist nicht frei von Problemen wie Rassismus, Sexismus oder Homophobie. Mit einer Null-Toleranz-Strategie gegen rassistische Beleidigungen oder gewaltbereite Parolen sollen Politik und Sport an einem Strang ziehen. Ein konstruktiver Dialog kann dazu beitragen, um mit Förderprogrammen für demokratische Bildungsarbeit, Auszeichnung vorbildlicher Projekte oder Unterstützung bei der Ausbildung von Ehrenamtlichen demokratisches Bewusstsein zu stärken.
Antwort Andreas Hofreiter: Auch hier spielt der Punkt der Wertschätzung eine wichtige Rolle. Fühlen sich die Betroffenen in einem solchen Dialog wahr- und ernstgenommen, sind sie eher bereit auch eine für sie persönlich unerfreuliche Entscheidung mitzutragen. Werden politische Entscheidungen, z.B. Mittelvergaben, Neubau Sportstätten etc. ohne Einbeziehung der betroffenen Personen bzw. Vereine vorgenommen, quasi über deren Kopf hinweg, entsteht ein Gefühl der Machtlosigkeit. Eine Mitwirkung auch an den demokratischen Prozessen wie Wahlen kann dann als unwirksam und überflüssig empfunden werden, denn es ändert ja gefühlt eh nichts. Und wieso sollte man bereit sein, etwas zu verteidigen, das man als wirkungslos empfindet?
Frage an beide: Welche Rolle spielen demokratische Institutionen und Strukturen – wie z. B. Wahlen, Partizipation, Rechtssicherheit – dabei, junge Menschen nachhaltig für demokratische Werte zu begeistern?
Antwort Anton Hofreiter: Demokratie ist kein Selbstläufer, sie braucht demokratisch gesinnte Bürgerinnen und Bürger. Gerade deshalb ist es wichtig, dass junge Menschen erleben, dass sie tatsächlich mitgestalten können und dass Politik ihre Lebensrealität ernst nimmt. Ein wichtiger Punkt ist das Wählen ab 16 Jahre, das in vielen Bundesländern bei Landtags- und Kommunalwahlen bereits umgesetzt ist und national bei der letzten Europawahl galt. Darüber hinaus ist die Beteiligung jenseits von Wahlen entscheidend, wie in Jugendparlamenten oder über digitale Beteiligungsplattformen. Demokratie erfordert auch Wissen, dazu ist praktische politische Bildung hilfreich wie in Planspielen, um demokratische Verfahren einzuüben, oder in Medienkompetenz-Projekten, um Desinformation erkennen zu können.
Antwort Andreas Hofreiter: Sie sind dann geeignet, wenn sie jungen Menschen das Gefühl vermitteln, ihre Stimme hat Bedeutung, sie ist geeignet Ziele zu erreichen und der Einsatz für die Sache wird belohnt. Jemand der z. B. im Hinblick auf eine verbindliche Zuschuss-Zusage eine Veranstaltung durchführt und diesen Zuschuss am Ende nicht erhält, wird das nicht wiederholen. Eine hier fehlende Rechtssicherheit ist somit geeignet ehrenamtliches Engagement nachhaltig zu beschädigen.

Judowert-Fragen
Frage an beide: Höflichkeit ist ein zentraler Wert im Judo. Wie wichtig halten Sie Höflichkeit – im politischen Diskurs wie im Sport – als Voraussetzung für respektvolle Auseinandersetzungen und demokratische Kultur?
Antwort Anton Hofreiter: Höflichkeit ist eine Voraussetzung für ein faires Miteinander. Im Judo steht sie für Achtung vor dem Gegenüber, im politischen Diskurs für die Anerkennung unterschiedlicher Perspektiven. Die demokratische Kultur lebt davon, dass wir einander zuhören – auch und gerade, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind. In der Politik wie im Sport braucht es Fairness und Leitplanken des Respekts: Sachlichkeit statt Diffamierung, Argumente anderer ernst nehmen und Anständigkeit im Umgang. Dazu gehört aber auch, Grenzen zu benennen und aufzustehen gegen Hass und Hetze. Höflichkeit ist ein Zeichen von Stärke. Sie kann Brücken bauen und ermöglicht, gemeinsam Lösungen zu finden.
Antwort Andreas Hofreiter: Ohne grundlegende Höflichkeit ist eine respektvolle Auseinandersetzung unmöglich. Wobei auch hier eine gewisse Zuspitzung, in manchen Fällen auch eine wohldosierte Polemik in Diskussionen erforderlich sein kann. Die Notwendigkeit für Höflichkeit endet für mich dort, wo Personen offen oder bekanntermaßen verfassungsfeindliche Ziele verfolgen und Meinungen vertreten. Hier darf und muss die Ablehnung ihrer verfassungsfeindlichen Haltung für sie spürbar sein.
Frage, an Andreas Hofreiter: Wie kann rechtliche Bildung – auch im Sport – dazu beitragen, demokratisches Verhalten und einen respektvollen Umgang miteinander zu fördern?
Antwort Andreas Hofreiter: Rechtliche Bildung vermittelt zum einen Kenntnis über die rechtlich erlaubten Grenzen des Handelns. Hierbei muss immer Thema sein, was der Grund für die vorhandenen Grenzen ist. Und bei der Diskussion hierüber wird schnell klar, dass nicht jedes Verhalten, welches legal (also kein Gesetzesverstoß) ist auch legitim oder anständig. Zum anderen wird hierbei klar, dass Gesetze nicht starr und für die Ewigkeit sind und diese in demokratischen Prozessen an die Lebenswirklichkeit angepasst werden müssen. Und eben diese demokratischen Prozesse erforderlich sind, die Interessen der unterschiedlichen Gruppen bestmöglich auszugleichen.
