„Push für Demokratie“ mit Michaela Engelmeier
Im Rahmen des „Bundesprogramms gegen Extremismus und Menschenfeindlichkeit im Sport“ sprechen wir mit Menschen, die sich im Sport für Demokratie, Vielfalt und ein respektvolles Miteinander engagieren. Heute: Michaela Engelmeier.

Sport ist mehr als Bewegung und Wettkampf – er ist ein Ort der Begegnung, der Verantwortung und der Haltung. In dieser Interviewreihe kommen Menschen zu Wort, die sich in Vereinen, Verbänden und Projekten für Demokratiebildung, Vielfalt und ein klares Nein zu Menschenfeindlichkeit engagieren.
Wir starten unsere Interviewserie "Push für Demokratie" - gefördert durch das Bundesprogramm gegen Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit im Sport - mit einem Interview unserer ehemaligen Vizepräsidentin Michaela Engelmeier.
Du verbindest politisches Engagement mit jahrzehntelanger Erfahrung im Judo-Sport. Wie haben Deine Erfahrungen im Sport Deine politische Haltung zu Demokratie, Inklusion und Menschenrechten geprägt?
Der Judo-Sport hat mich in vielerlei Hinsicht fürs Leben geprägt – und damit auch für die Politik. Auf der Matte lernt man, sich durchzubeißen, nicht aufzugeben und für eine Sache einzustehen, auch wenn es schwierig wird. Gleichzeitig ist Judo kein Einzelsport im eigentlichen Sinne: Ohne Team, ohne Trainerinnen und Trainer, ohne gegenseitigen Respekt geht es nicht. Man kämpft immer auch für andere – und ganz besonders für die, die schwächer sind. Durch den Sport durfte ich viel von der Welt sehen. Dabei habe ich gelernt: Die meisten Menschen wollen einfach in Frieden leben, unabhängig von Herkunft, Religion oder sozialem Status. Diese Erfahrungen haben mir sehr deutlich gemacht, wie wertvoll unsere demokratischen Werte, unsere Freiheitsrechte und der Schutz der Menschenwürde sind. Inklusion ist für mich deshalb keine freiwillige Zugabe, sondern ein Menschenrecht. Diese Überzeugung ist tief in mir verankert – nicht zuletzt durch den Sport.
In Deiner Zeit als Bundestagsabgeordnete und als Führungspersönlichkeit im Sport hast Du immer wieder klar Position gegen Diskriminierung bezogen. Welche Chancen siehst Du im Sport, demokratische Werte nachhaltig zu vermitteln?
Sport kann ohne Werte nicht funktionieren. Respekt, Fairness und die Anerkennung der Leistung anderer sind grundlegende Prinzipien – und sie müssen schon den Kleinsten vermittelt werden. Wer Sport treibt, lernt früh, Regeln zu akzeptieren, Verantwortung zu übernehmen und Niederlagen wie Siege einzuordnen. Damit ist Sport ein starkes Fundament für demokratisches Handeln und ein wirksames Mittel gegen Diskriminierung. Gleichzeitig beobachte ich mit großer Sorge, dass es in bestimmten Sportarten zunehmend zu verbalen und auch körperlichen Auseinandersetzungen kommt – unter Sportlerinnen und Sportlern, aber auch auf den Zuschauerrängen. Gerade deshalb müssen wir die wertvermittelnde Kraft des Sports wieder stärker in den Mittelpunkt rücken und sie aktiv schützen.
Wie kann zivilgesellschaftliches Engagement im Sport gestärkt werden, um extremistisches Gedankengut und menschenfeindliche Haltungen bereits im Kindes- und Jugendalter entgegenzuwirken?
Zivilgesellschaftliches Engagement – im Sport wie insgesamt – ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Vereine leisten hier eine unschätzbar wichtige Arbeit. Aber auch im Sport müssen Werte früh und konsequent vermittelt werden. Es darf eben nicht nur um höher, schneller, weiter oder ums Gewinnen gehen. Wenn Kinder von klein auf lernen, dass extremistisches Gedankengut und menschenfeindliche Haltungen im Sport keinen Platz haben, verinnerlichen sie zugleich, dass solche Einstellungen auch im gesamten gesellschaftlichen Leben nichts zu suchen haben. Sport kann damit ein zentraler Schutzraum und Lernort für Demokratie sein – wenn wir ihn entsprechend stärken.
Welche Lehren aus Deiner Arbeit mit jungen Menschen im Sport würdest Du Politikerinnen und Politikern mitgeben, die demokratische Bildung stärker in Sport- und Bildungseinrichtungen verankern wollen?
Ich durfte hier viel lernen – als Mutter, als gelernte Erzieherin und in der Arbeit mit den Jüngsten im Sport. Kinder sind zunächst sehr offene, „reine“ Wesen. Sie lieben Bewegung und das Miteinander. Gleichzeitig prasselt früh sehr viel auf sie ein: aus dem familiären Umfeld, aus Kita und Schule, aber auch aus den Medien – insbesondere aus den sozialen Netzwerken. Deshalb müssen wir früh ansetzen und unsere Werte immer wieder vermitteln. Finanzielle Mittel in diesem Bereich zu kürzen, das Ehrenamt zu schwächen oder durch den Wegfall von Sportstätten Teilhabe zu erschweren, wäre fatal. Demokratische Bildung hat nichts mit „hoher Politik“ zu tun. Sie beginnt im Kleinen: zu Hause, in der Schule, in den Vereinen – und ganz besonders im Sport.

Ehrlichkeit ist ein Judowert, der nicht nur auf der Matte zählt. Wie wichtig ist Dir Ehrlichkeit im politischen und gesellschaftlichen Dialog – und wie erlebst Du die Herausforderungen, wenn dieser Wert verletzt wird?
Mein Parteifreund Franz Müntefering hat einmal gesagt: „Politik muss sagen, was ist.“ Das bringt es auf den Punkt. Ehrlichkeit ist die Grundlage von Vertrauen – im Sport wie in der Politik. Gerade heute steht dieser Wert vor großen Herausforderungen. Ich beobachte mit Sorge die zunehmende Verschärfung des Tons in politischen Debatten, insbesondere an den extremen Rändern. Die bewusste Verdrehung von Tatsachen, teilweise sogar gezielte Fake News, sind häufig die Grundlage dieser Auseinandersetzungen. In den sozialen Medien potenziert sich das weiter. Diese Entwicklung vergiftet das gesellschaftliche Klima und gefährdet den Zusammenhalt. Bestimmte Parteien setzen gezielt auf solche Formen der Menschenfängerei. Dem müssen wir geschlossen entgegentreten: demokratische Parteien ebenso wie Verbände und Organisationen der Zivilgesellschaft. Ehrlichkeit ist kein naiver Wert – sie ist eine demokratische Notwendigkeit.
Vielen Dank für die ehrlichen Antworten.