Mentale Gesundheit bei Leistungssportlern

MARCEL HAUPT

Anna-Maria Wagner hat im letzten Jahr fast alles gewonnen – Weltmeisterin, Grand Slam-Siegerin, zweifache Olympiamedaillengewinnerin. Nun zieht sie ein Resümée und spricht ein wichtiges Thema an. Die mentale Gesundheit des Menschen.

15.01.2022 von [Anna-Maria Wagner ]

Rückblick 2021 2.0

Das letzte Jahr war für mich aus sportlicher Sicht das erfolgreichste meiner Karriere. Mit diesem Post will ich euch 2021 aus einer anderen Sicht zeigen. Aus der Sicht meiner mentalen Gesundheit.

Es liegen drei sehr harte Qualifikationsjahre hinter mir. Ich stand dauerhaft unter Druck, musste Ergebnisse abliefen - bis zum Schluss. In dieser Phase konnte ich meinen Fokus und meine Power die ganze Zeit halten, da ich nur ein Ziel vor Augen hatte - die Olympischen Spiele in Tokio. Dann habe ich das Unglaubliche geschafft: sechs Wochen vor den Spielen bin ich Weltmeisterin geworden! Ein Erfolg, den man eigentlich so richtig feiern würde. Doch dafür war keine Zeit, es ging sofort weiter, voller Fokus auf die Olympischen Spiele. Dort hatte ich einen nahezu perfekten Tag. Es ist alles so gelaufen wie wir (mein Team und ich) es uns vorgestellt und trainiert hatten: Ich habe Bronze im Einzel gewonnen und zwei Tage später kam eine weitere Medaille mit dem Mixed Team hinzu. Besser hätte das Jahr für mich kaum laufen können. ⠀

Die Wochen danach waren aufregend und schön: viele Termine, Empfänge, Interviews und es wurde ordentlich gefeiert. Aber was passiert danach?

Ich hatte die ganzen Jahre ein Ziel vor Augen, habe es geschafft - und dann? Leere. Die sogenannte Post-Olympia-Depression hat mich erwischt. Es ist für viele „Nichtsportler“ vielleicht schwer zu verstehen und es ging mir auch nie die ganze Zeit schlecht. Ich hatte noch so viele tolle Momente, aber sobald diese vorbei waren hat mich die Leere wieder eingeholt. Von Judo wollte ich die ersten Monate nichts wissen. Reha und Training habe ich gemacht, weil es auf dem Plan stand und es Punkte zum Abarbeiten waren.

Bis zum Ende des Jahres hat mir die Lust und Leidenschaft für den Sport gefehlt, und ich habe mit dem Gedanken gespielt, mit dem Leistungssport komplett aufzuhören. Ich war zum Glück in dieser Zeit nie alleine! Ich hatte ein tolles Umfeld und auch meine Trainer haben mir zu keiner Zeit Druck gemacht, wann ich wieder zurückkommen muss. Natürlich habe ich auch viel mit meinem Sportpsychologen gesprochen. Letztlich aber trägst du den inneren Kampf mit Dir alleine aus. ⠀⠀

In meinem Urlaub habe ich dann gemerkt, wie es mir langsam bessergeht und meine Lust am Training wieder gefunden. Ich wollte mit Silvester einen symbolischen Schlussstrich unter das Jahr 2021 setzen und mit neuer Energie in 2022 gehen. Es sollte mit meinem ersten Trainingslager seit den Spielen in Köln starten. Doch dann kam der positive PCR-Test… und wieder hat es mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Meine ganzen Vorsätze und Pläne fürs neue Jahr - futsch.. ⠀

Die erste Quarantänewoche war sehr hart. Ich war antriebslos, lag nur im Bett und habe wieder überlegt, meine Karriere einfach an den Nagel zu hängen…⠀

Seit der zweiten Woche geht es langsam Berg auf und ich habe mir viele Gedanken gemacht. Wie der Einstieg ins Training nun wird bleibt abzuwarten. Wichtig für mich ist erstmal wieder Spaß am Training zu finden. Wann genau ich wieder auf die Wettkampfmatte komme kann ich noch nicht sagen. ⠀

Klar ist aber: Wenn ich sie wieder betrete, dann stehe ich zu 100% dahinter und bin bereit zu gewinnen.⠀